Sonntag, September 30, 2007

Luca




Eigentlich wollte ich ja vor den italienischen Pilgern warnen. Ich hatte bisher nur schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. Sie sind laut und voller flegelhaftem Benehmen. So leuchten sie einem noch vor 6 Uhr früh mit der Taschenlampe ins Gesicht oder massieren sich – wenn sie im Etagenbett über dir liegen – intensivst ihre Waden, so dass man sich in einem Softporno wähnt.
Aber dann lerne ich Luca kennen. Er ist - wie es auf dem Weg immer wieder passiert – einfach plötzlich da. Ca. 27 Jahre alt, ist er von großer und schlanker körperlicher Statur. Er hat schwarze Haare und eine unglaublich tiefe Stimme. Luca trägt immer ein weit aufgeknöpftes kariertes Hemd, beige kurze Hosen und eine schwarze Armanibrille. Wenn er mit einem spricht, blitzen seine schneeweißen Zähne. Alles in allem halt ein Topmodel.
Ich möchte ihn Ricardo nennen – aber dafür will er Günther zu mir sagen, so lasse ich es.
Luca freut sich immer rießig wenn ich ihn auf dem Weg überhole. Ich bin für ihn nur „der schnelle Deutsche“. Er lacht dann ganz viel und klopft mir auf die Schultern.
Selbst ist er sehr mitgenommen von den körperlichen Strapazen. Aber sobald er geduscht und etwas geschlafen hat, glänzt er wieder. Und ich freue mich über das Topmodel auf dem Jakobsweg.



P.S.: Übrigens noch schlimmer als italienische Pilger findet man Radfahrpilger, die dröhnend den Weg lang poltern – in ihren enganliegenden Froschanzügen. Die Champagnerpilger hingegen mag man – ist man doch selbst einer, hin und wieder.

Donnerstag, September 27, 2007

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Mittwoch, September 26, 2007

Fragmente



heute ist die hitze wieder unerträglich. Um mich herum sind die felder abgeerntet – und es sieht aus wie in der wueste. Auch schattenspendende baeume sind nicht in sichtweise. Ich schmecke meinen salzhaltigen schweiss auf den lippen. Langsam stellt sich dieser tranceartige zustand ein, den ich beim wandern bekomme. Du laeufst und laeufst – und du leerst deinen kopf, irgendwann ist nichts mehr drin, alles raus. Und wenn du irgendwo ankommst, fuehlst du dich wie gereinigt von dem ganzen gedanken muell...
nur langsam werde ich doch unruhig – seit 1,5 tagen habe ich niemanden mehr aus meiner „gruppe“ gesehen. Gestern musste ich mit alten italienischen maenner in einem 8-bettzimmer schlafen – man kann sich nichts einsameres vorstellen!
In einem verlassenen dorf versuche ich einen alten brunnen in gang zu bringen, da kommt lady schuh aus der verlassenen kirche. Welch eine Freude! Sie hat einen Finnen in Schlepptau und der kennt eine schoene kleine herberge die von behinderten menschen gefuehrt wird.
Jeder pilger wird von einem behinderten menschen persönlich zu seinem bett gebracht und herumgefuehrt. Der zivildienstleistende ist gnadenlos schwarzhaarig schön und spielt abends mit den behinderten menschen brettspiele im aufenthaltsraum. Und ich fuehle mich so angenehm leer!

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Montag, September 24, 2007

der organisierte camino

der jakobsweg ist ja auch ein wenig wie organisierter aktiv-cluburlaub. um dazu zugehoehren benoetigt man einen pilgerausweis und eine grosse jakobsmuschel. die jakobsmuschel wird gut sichtbar am rucksack befaestigt. sie dient als erkennungszeichen fuer andere pilger, und man darf menschen mit muschel ungeniert nach dem weg, nach toilettenpapier oder ihrer tieferen bedeutung fuer den camino fragen. los gehts es morgens zwischen 6-7 uhr - und ich wuerde meine gruppe auf ca. 60-70 menschen schaetzen (natuerlich variierend je nach tagesform etc.). wie bei einer schnitzeljagd weisen gelbe pfeile oder muscheln den weg. waehrend des weges verteilt sich die wanderschar - aber eigentlich bleiben mind. ein bis zwei wanderer in blickweite, so dass an verlaufen eigentlich nicht zu denken ist*. nach stunden erreicht man dann irgendein spanisches dorf (zur abwechslung auch mal stadt) und stellt sich in der warteschlange der dortigen herberge. man bekommt einen stempel und fuer ca. 3 bis 5 euro auch ein bett zugewiesen. anschliessend wird unterhose und t-shirt gewaschen und fuer die dusche angestanden.
da die schlafenszeiten der pilger deutlich mit den essgewohnheiten der spanier kollidieren, gibt es eine extra pilgermenu. alternativ kann man aber auch der pilgermesse beiwohnen. in der messe versteht man kein wort und muss staendig aufstehen, dafuer bekommt man aber auch die hostie und den pilgersegen.
zunehmend wird aber auch die herberge gar nicht mehr verlassen, stattdessen gemeinsam gekocht und gegessen. uebringens ist das durchschnittsalter auf dem camino 50, ich befinde mich allerdings wohl in einer jugendblase - zumindenst wuerde ich die meisten auf zw. 24-34 schaetzen.
im aelteren alter sind zumeist alleinwanderende damen, wie z.B. paula aus helsinki oder alice aus der schweiz. und irgendwie arbeiten sie alle in einer bibliotek.


*einmal setze ich mich unbedacht auf einen wegweiser, dies fuehrt dazu, dass ausgerechnet diese streng glaubige koreanerin die immer so boese schaut den falschen weg nimmt. lady schuh laeuft ihr nach und macht sie auf den irrtum aufmerksam. zuerst ist die koreanerin auch sehr dankbar - nachdem sie allerdings mein verdecken des wegweisers bemerkt spuere ich absofort bei jeder begegnung ihre toedlichen blicke auf mir...

Sonntag, September 23, 2007

Monique (2. Tag auf dem Camino)

(in gedenken an monika die ihre reise wohl aus physischen gruenden vorzeitig abbrechen musste)

monique moechte bereits nachdem sie mich 5 minuten kennt mit mir schlafen. ich lerne sie kennen als ich mich in einer kleinen bar endlich traue die beiden suessen langhaarigen studenten anzusprechen. die beiden studieren doch tatsaechlich theologie und einer von den beiden hatte noch vor kurzem eine schlechte zeit. um mit sich und gott wieder ins reine zu kommen, wurde der gang des jakobsweges geplant. allerdings gelang ihm dieses "ins reine kommen" bereits im vorfeld, aber der jakobsweg liess sich wohl nicht mehr stonieren. er wirkt allerdings die gesamte zeit, die ich ihn sehe, immer etwas genervt von allem (was ihm allerdings gut steht). kilian und raffi heissen die beiden studenten und leider ist der platz zwischen ihnen bereits besetzt. und da kommt auch schon monique die allen ein bier ausgibt. natuerlich heisst monique in wirklichkeit monika und kommt aus dem vorort einer bankenstadt. sie hat auf der arbeit mit wertpapieren zu tun und ist wohl vom "kerkeling"-effekt gepackt, zumindest ist sie von einer ueberspruehenden herzlichkeit und redet wahnsinnig laut.
diese nacht teilt sie sich ein zimmer mit einem aelteren maennerpaar aus deutschland. ich hingegen schlafe heute mit 12o menschen in einem klosterraum. aus mitleid moechte monique sofort mit mir am naechsten tag ein pensionszimmer teilen.
in der nacht habe ich uebrigens 3 panikattacken und meine gesamte kindheit laeuft wie ein film an mir vorbei. um 6 uhr morgens werden ich und 119 menschen von moenchsgesang geweckt und auf die strasse in die absolute dunkelheit entlassen. unauffaellig folge ich einfach ein paar pilgern mit kopftaschenlampe bis die sonne langsam aufgeht und auch eine kleine bar mit kaffee und kuechlein in reichweite kommt.
monique treffe ich 3 tage spaeterin pamplona wieder - sie ist von den laufstrapazen doch recht mitgenommen. wir trinken viel wein und ich esse bohnensuppe, was bei anderen pilgern doch auf etwas missmut stoesst - muessen sie sich doch ein zimmer mit mir teilen. der abschied an diesem abend mit monika ist aeusserst herzlich, den waehrend ich in der kleinen von sehr strengen deutschen gefuehrten "casa paderborn" uebernachten ist sie in der massenherberge der stadt untergebracht.

ein paar tage spaeter hoere ich, dass monika wohl aufgeben musste....

Dienstag, September 18, 2007

unverletzt

niemand geht den weg ohne blessuren. am ende des tages sind alle beschaeftigt ihre fuesse zu verarzten. blasen werden aufgeschnitten und vernaeht. Muskeln werden gecremt und fuesse ge"taped". Andere husten und roecheln. viele pilger haengen aufgrund verspeister rioja - weintrauben ùeber der toilette. so muessen wir auch immer mehr pilger zuruecklassen. aber das verschafft auch vorteile bei der weiteren betten vergabe. falls jemand auf dem weg stirbt wird eine gedenktafel installiert - die pilger nutzen diese gedenkstellen dankbar um ihr ueberfluessiges gepaeck los zu werden. so sind diese gedenkplaetze gesauemt von kleidungstuecken, groschenromanen und isomatten.

Sonntag, September 16, 2007

sonntag morgens

kommt man in die kleinen der doerfer am sonntag morgen - vorsicht! in den strassen liegen und lagern betrunkenen jugendlichen. wahrscheinlich haben sie am abend vorher noch einen stier durch die strassen gejagt - jetzt koennen sie sich kaum noch auf den beinen halten - aber achtung! plóetzlich wanken sie auf dich zu und schreien "donde estas... ah ha" - dann ruf schnell deine nationalitaet und entschwinde geschickt der drohenden umarmung. zur belohnung gibts beim náechsten baecker leckere bocadillos!

buon camino!

Samstag, September 15, 2007

lady schuh -

lady schuh kommt aus japan. dort war sie tieraerztin. nachdem sie eine sendung ueber den camino gesehen hatte, kuendigte sie ihren job und packte ihre sieben sachen. lady schuh war noch nie alleine unterwegs, auch war sie noch nie in europa. und jetzt laeufts sie 5 wochen den camino und anschliessend verbring sie noch eine woche in vitnam (weil der flug dort zwischen landet). warum macht lady schuh dies alles? sie sei immer so eine zurùeckhaltender schuechterner mensch - und dies moechte sie gerne aendern.

wenn man mit lady schuh durch pamploma laueft kennt sie jeden zweiten pilger - dann lacht sie immer ganz viel. wenn man sich von lady schuh verabschiedet - vielleicht fuer immer. dann umarmt sie einen nicht - oder gibt einem nicht die hand - sondern sie holt ihre kamera und macht ein foto mit dir.

es gibt bereits zwei fotos von uns! aber denoch hoffe ich, dass sie es heute noch bis puenta la reina in die herberge schafft und wir noch ganz viele gemeinsame fotos machen!

Samstag, September 08, 2007

nicht unverletzt...


jetzt liegt er vor mir, mein "credencial del peregrino" - mein pilgerausweis. die pilgerfreunde paderborn haben mir bereits meinen ersten stempel verpasst - vielleicht zur motivation auch die restlichen freien felder bald zu füllen. tägliche 20 - 30 km werden mich nun täglich von stempelstation zu stempelstation führen. alleine mit mir und meiner umfangreichen funktionskleidung - für die ich wohl mittlerweile mehr geld ausgegeben habe, als für die gesamten tortillas die ich auf dem weg verspeisen werde. aber wer möchte nicht eine unterhose mit zweischichtiger dreidimensionaler wabenstruktur und eingewebten silberionen zur schädigung von geruchsbakterien haben? bei zwei unterhosen für 14 tagen ist dies nicht zu viel verlangt! wichtig ist natürlich der kampf gegen jedes gramm gepäck - so beschäftige ich mich bereits seit wochen mit dem wiegen von kleidung und proviant. meine geliebte cola blak hat diesen wiege-wettbewerb leider nicht bestanden...
aber wichtig ist ja auch nur eins - der weg.
so lautet meine persönliche weg-meditation ja auch:
doch dieser weg, er ist der deine,
er fordert dich ins harte jetzt,
er will von dir das letzte eine,
er will dich ganz - nicht unverletzt.
(w. schneller)

hasta luego!


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